Kein Coach, keine Supplements - und trotzdem Fittest in Austria - Hannah Gahleitner | 🎙️GMM S4E10
Hannah Gahleitner: von Platz 47 auf Platz 1 - ohne Coach
Es beginnt mit einem Geburtstagsgeschenk. 2018 schenkt Hannahs beste Freundin ihr ein Probetraining in einer Box, die gerade erst aufgesperrt hat: der Granitbox in St. Martin im Mühlkreis. Die Alternative wäre ein Vertrag im klassischen Fitnessstudio gewesen. Die beiden gehen gemeinsam ins Bootcamp, ein dreißigminütiges Zirkeltraining. Hannah bleibt. Ihre Freundin nicht.
CrossFit macht sie zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht. Anderthalb Jahre lang nur Bootcamp. „Ich bin nicht mit der Absicht in die Box gekommen, dass ich CrossFit mache.“ Acht Jahre später ist sie die Nummer 1 Österreichs bei den CrossFit Open.
Der Weg dorthin ist unspektakulärer, als man denkt
Wer eine Geschichte über einen Plan, ein Ziel und eine Vision erwartet, wird enttäuscht. Hannah beschreibt ihren Aufstieg als etwas, das einfach passiert ist: „Es ist so schleichend gekommen, finde ich, alles.“
Die Zahlen erzählen es trotzdem deutlich. Bei ihren ersten Open 2023 wird sie 47. in Österreich. 2024: Platz 5. 2025: Platz 2. 2026: Platz 1. Vier Jahre, 46 Plätze.
Dazwischen liegen ein paar Weichenstellungen: der Basic-Kurs in der Box, sechs Einheiten, nach denen man erst in die regulären Stunden darf. Der Wechsel vom Zweimal-pro-Woche-Vertrag auf unbegrenztes Training, nachdem sie 2022 selbst Trainerin wurde. Und Corona, das für sie zum eigentlichen Wendepunkt wurde: Sie musste in einem Outdoor-Kurs Übungen vorzeigen, die sie selbst nicht konnte. „Und da war das, glaube ich, auch der Wendepunkt, dass ich mir gedacht habe: Okay, jetzt muss ich was ändern.“
Ihr Umfeld ist ihr Programming
Zwei Namen tauchen immer wieder auf. Ferdinand Endemann, ein Junge aus ihrem Ort, der schon mit vierzehn in der Box trainiert hat und „immer alles besser können hat wie ich“. Die beiden haben sich gegenseitig alles beigebracht, später sind sie gemeinsam ihren ersten Wettkampf gegangen.
Und Jutta Gahleitner, die Inhaberin der Granitbox. Gleicher Nachname, keine Schwester: Sie ist die Cousine von Hannahs Papa. Richtig kennengelernt haben sich die beiden erst über die Box.
Ein persönlicher Coach war nie dabei. Bis heute nicht. „Ich habe jetzt kein spezielles Coaching oder Trainingsprogramm.“ Sie nimmt das Programming der Box, ergänzt es um selbst geschriebene Schwerpunkte, meistens Snatch- oder Clean-Komplexe, und geht dabei nach Gefühl. Angefragt haben Coaches sie nie.
Bemerkenswert daran ist nicht nur, dass es funktioniert. Sondern dass sie sich die unangenehmen Sachen selbst hineinschreibt: „Es ist ja nicht so, wenn ich mir selber was schreibe, dass ich nur das schreibe, was mich freut. Sondern ich bau die Push-ups ganz bewusst ein.“
Der erste Wettkampf war ein Missverständnis
2022, Austrian Throwdown, Team of Two Intermediate. Hannah und Ferdi hatten sich über den Qualifier nicht qualifiziert. Dann kommt eine E-Mail, während sie auf dem Burgstallfest zu Hause draußen steht: Sie sind nachgerutscht. „Und dann hab ich es gelesen und hab mir gedacht: Oh Gott, jetzt sind wir da dabei. Was tun wir jetzt?“
Sie fahren mit Fanclub hin. Im Workout stehen 2 × 17,5 kg Dumbbells, ein Gewicht, das sie zu diesem Zeitpunkt kaum über Kopf bringt. Das erste Workout ist Thruster und Cardio. „Ich bin rausgegangen und habe gefühlt schon Muskelkater gehabt.“
Zwischen den eigenen Heats schaut sie den Individuals zu und beschließt, Bar Muscle-ups lernen zu wollen. Ab da war es kein Zufall mehr. Im Jahr darauf holt sie mit dem Team im Intermediate Silber.
2026: Gewichtheben kommt dazu
Seit dem Frühjahr trainiert Hannah zusätzlich in einem Gewichtheberverein in Wels. Der Kontakt ist über Leute aus ihrer Box entstanden, die zu Weightlifting-Sessions ins CrossFit Makama nach Krenglbach gefahren sind. Ein Anruf, ein Besuch, und plötzlich war sie drin.
Der Grund ist nüchtern: Gewichtheben ist der Bereich, in dem sie sich am wenigsten auskennt. Und es ist der erste Bereich überhaupt, in dem ihr jemand anderer einen Plan schreibt.
Der erste Plan sah vier Einheiten pro Woche vor. Zu viel. „Da hat sich mein Körper richtig einstellen müssen drauf. Man ist eigentlich schon voll fertig - und soll dann trotzdem noch die Workouts machen.“ Sie hat auf drei reduziert, mit jeweils einem Tag dazwischen. Seitdem passt es. Was sie mitnimmt, ist nicht nur Technik: „Man kriegt einfach Vertrauen in die schweren Gewichte.“
Interessant ist der Nebeneffekt, den sie selbst beschreibt: Zum ersten Mal ärgert sie sich über Trainingstage. Wenn ein fremder Plan ein Gewicht vorgibt und es nicht aufgeht, trifft sie das anders, als wenn sie sich selbst etwas vorgenommen hat. Sie findet das gut: „Man braucht halt auch immer was, an dem man arbeiten kann.“
Im November kollidieren die beiden Welten zum ersten Mal wörtlich: Am selben Tag stehen das Gewichtheber-Bundesligafinale und der Austrian Throwdown an. Für Hannah war die Entscheidung keine: „Functional Fitness hat für mich einfach die Priorität. Wegen dem mach ich das eigentlich, dass ich dort besser bin.“
Was der Titel wirklich wert ist
Wer erwartet, dass „Fittest in Austria“ als Krönung erzählt wird, hört von Hannah etwas anderes: „Ich glaube, dass die Ergebnisse jetzt nicht ausschlaggebend sind. Sie decken, finde ich, auch nicht alles ab, was CrossFit eigentlich ist. Und die wirklich High-Skill-Sachen, die kommen ja erst weit später.“
Konsequenterweise findet man in ihrer Historie auch kein einziges Quarterfinal. Sie hat es einmal ohne Anmeldung mitgemacht, gesehen, dass Handstand Push-ups drin waren, und beschlossen, dass es ihr nichts bringt. Statt einer Online-Runde, die sie nicht sauber absolvieren kann, fährt sie lieber auf einen echten Bewerb.
Was sie dagegen sehr wohl schmerzt: die Anfrage vom World Fitness Project, die sie absagen musste. Stefan Spindler hatte sie gefragt, nachdem sie kurz zuvor kurzfristig in sein Viererteam in Marseille eingesprungen war. Der Termin lag mitten in der Schulzeit. „Da hat trotzdem natürlich der Job Vorrang. Aber traurig bin ich, muss ich sagen.“ Sie war die erste Frau, die auf der Liste stand.
Die fröhlichste Athletin der Szene
Was einem bei Hannah als Erstes auffällt, sind die Mundwinkel. Beim Austrian Throwdown 2025 ist sie nach einem 95-kg-Clean aufgesprungen und mit einem Grinsen zur Tribüne gelaufen, das schwer zu vergessen ist.
Ihr Rezept dahinter ist wenig glamourös: Sie trainiert, weil es Spaß macht, und sie trainiert am liebsten neben anderen Leuten. „Wenn ich weiß, es ist sicher keiner da, dann muss ich mich sicher mehr überwinden.“
Sie trackt nicht, sie zählt nicht, sie verbietet sich nichts. „Ich esse jeden Tag meine Schokolade. Am besten dunkle. Und davon auch nicht wenig.“ Beim Thema Supplements dauert die Antwort genau ein Wort: Kreatin. Sonst nichts.
Und ihre Klasse?
Spätestens seit dem Zeitungsartikel über ihren ersten Gewichtheber-Wettkampf wissen ihre Volksschulkinder, was ihre Lehrerin am Nachmittag macht. Sie kamen mit ausgeschnittenen Artikeln in die Schule: „Frau Gahleitner, ich hab gar nicht gewusst, dass du so viel Muskeln hast.“
Im Sportunterricht wärmt sie mit ihnen auf und macht Bodyweight-Übungen. Nicht als Nachwuchsarbeit, sondern weil sie will, dass die Kinder lernen, wie Bewegung richtig geht.
Ist CrossFit tot?
Die Frage stelle ich mittlerweile jedem Gast. Hannahs Antwort passt zu allem davor: Die Marke ist ihr egal. „Es geht rein um die Sportart für mich.“
Was sie sich wünscht, ist konkreter: mehr Sichtbarkeit für Functional Fitness in Österreich, mehr Verbandsstruktur, mehr Förderung. „Weil ich jetzt schon gemerkt habe, dass wir da eigentlich viel leisten. Und das kennt einfach keiner. Und das finde ich schade.“
Wo man sie 2026 noch sieht
The Pit Games in Leoben, No Way Out in Salzburg, und im November der Austrian Throwdown in Wiener Neustadt - dort im Team mit Ines Riffelsberger, mit der sie den Qualifier als Erste von elf gewonnen hat. Über denselben Score läuft auch der German Throwdown.
Ein großes Ziel für 2027? Die Antwort kommt ohne Zögern: „Nicht wirklich.“ Und genau das ist wahrscheinlich der Punkt.
Aufgenommen in der Granitbox in St. Martin - ein paar Wochen, bevor sie in die alte Schule im Ortskern übersiedelt und dort als Q77 weitergeht.