Abgesprungen, wie das Schiff zu brennen begonnen hat – Elias Simbürger | 🎙️GMM S4E9

Elias Simbürger: zweimal CrossFit Games – und dann die Hantel

Es ist Samstagvormittag, ich bin in Graz, und eigentlich sollten wir in der Box sitzen. Hat organisatorisch in letzter Sekunde nicht geklappt. Also sitzen wir bei Elias in der Wohnung, hinter ihm auf dem Esstisch steht eine Whisky-Sammlung, und die erste Frage führt sofort dreizehn Jahre zurück.

Ein Opa, ein Triathlon und ein halbes Jahr Boxen

Der erste Berührungspunkt mit Sport ist bei Elias kein Verein, sondern ein Mensch: sein Opa Günter, 1958 bis 2016, heute auf seinem Oberarm tätowiert. In Oberzeiring im Murtal gibt es zwei Möglichkeiten – Fußball oder Triathlon. „Und ich bin nicht gut mit meinen Füßen.“ Also Triathlon, von sechs bis elf. Dann der Umzug nach Graz, zwei Operationen an den Zehen, zu schwer für eine reine Ausdauersportart – und der Spaß ist weg. Die nächstbeste Lösung für einen Elfjährigen: „Sich prügeln. Passt. Gehen wir boxen.“ Ein halbes Jahr lang, bis Oma und Mama entschieden haben, dass das nicht gut aussieht.

Pancakes, Netflix und Rich Froning

Der Moment, der alles ändert, ist unspektakulär. Samstagfrüh, Frühstück, Pancakes, Netflix. Und dann läuft die Rich-Froning-Doku. „Das war das Bild von einem Haberer ohne T-Shirt, tätowiert, auf einem Quad. Egal, worum es da geht – ich schaue mir das an.“ Er war dreizehn. Die Box wird nicht nach Trainingsqualität ausgesucht, sondern nach einer Bedingung seiner Mutter: Es muss Physiotherapeuten geben. CrossFit Murstadt ist damals die einzige Box in Graz, die welche im Haus hat. Elias kommt hin, neunzig Kilo schwer, und sagt seinen ersten Coaches Luki und Steffi ziemlich schnell, was er vorhat: CrossFit Games.

Der Qualifier, bei dem er in der Box gelebt hat

2019 klappt es. Der Modus damals: vier Tage, fünf Workouts, beliebig oft wiederholbar. Elias macht in vier Tagen zwanzig Workouts. Er lebt in der Box. Am dritten Tag trägt ihn seine Mutter gefühlt die Treppe zum Arzt hinauf, weil der linke Oberschenkel so verkrampft ist, dass er das Bein nicht mehr abwinkeln kann. Am letzten Tag sitzt er oben in der Halle, heult und sagt, er kann nicht mehr. Luki redet zehn Minuten auf ihn ein, Steffi massiert den Oberschenkel noch einmal aus. Er geht runter und macht das Handstand-Push-up-Workout fertig – die Übung, in der er schlecht war. Er qualifiziert sich als Zehnter. Punktlandung. Und seit er dreizehn ist, steht er um 4:35 auf, trainiert vor und nach der Schule und lässt Familienfeiern aus: „Ich habe keinen Tag verpasst.“

Madison, Platz 7 – und zwei Jahre später Platz 1 nach zwei Events

2019 ist Elias einer von drei Österreichern in Madison, neben Chris Körner und Vanessa Wagner. Er wird Siebter – und erinnert sich an fast nichts davon, weil alles im Schnipsel vorbeigegangen ist. 2020 fällt aus: Übertraining, Corona, Training allein in einer kalten Box ohne Licht und ohne Musik, damit es nicht auffällt. Eine Sondergenehmigung gibt es nicht, „weil CrossFit ist kein Sport“. 2021 ist er so fit wie nie. Nach zwei Events führt er die CrossFit Games an, punktgleich an der Spitze. Und dann reißt beim Sprint-Workout ein Rippenmuskel. Er wird zugeklebt – nicht zur Stabilisierung, sondern um die Verfärbung zu verdecken, weil man ihn sonst aus dem Wettkampf genommen hätte. Am Ende wird es Platz 5.

Miami, und der Satz, nach dem Schluss war

Jänner 2022, Wodapalooza. Für Elias das schlechteste Event seiner Karriere – nicht sportlich, sondern organisatorisch. Chips verloren, Workout gestrichen, das letzte Event der Teens abgesagt, das der Erwachsenen findet statt. „Ich bin geflogen, ewig viel Geld ausgegeben aus meiner privaten Tasche, um das zu finanzieren. Dafür, dass sie mir sagen: Gut gemacht. Danke. Auf Wiedersehen.“ Er hätte zu CrossFit Mayhem nach Amerika gehen können; alle Beteiligten entscheiden am Ende dagegen. Und dann kommt Heeressport ins Spiel – dort gibt es kein CrossFit, nur olympische Sportarten. Am 17. Dezember 2022 postet er „Excited for the next chapter“. Am 4. März 2023 steht er zum ersten Mal auf einer Gewichtheber-Bühne: 113 Kilo Reißen, 152 Stoßen, 265 im Zweikampf. Zwei Jahre später sind es 343.

Das Tattoo, das ihn erklärt

Auf seiner rechten Schulter steht sinngemäß: Love to win, hate to lose. „Ich mag es zu gewinnen, aber das Verlieren sitzt viel tiefer als das Wollen zu gewinnen.“ Seine erste internationale Medaille – Bronze im Stoßen – ordnet er im selben Atemzug nüchtern ein: schön, aber kein tief sitzender Wert. Eine schlechte Leistung tut dagegen lange weh. Auf die Frage, ob er je zurückschaut, ist die Antwort eindeutig und für ein CrossFit-Publikum unangenehm: Der Wechsel war die beste Entscheidung, die er treffen konnte – gerade so, wie CrossFit aktuell dasteht. Ganz weg ist er trotzdem nicht: Er judged, coacht und macht strikte Deficit-Handstand-Push-ups und Ring-Muscle-ups, weil das Schulterpositionen trainiert, die das Gewichtheben nie sieht.

355 Kilo für China

Der Blick nach vorne ist bei ihm eine Zahl. Der ÖGV hat für die WM in Ningbo ein Limit ausgegeben: 355 Kilo im Zweikampf, in einem Wettkampf zu heben, nicht im Training. In seiner Gewichtsklasse gibt es in Österreich niemanden sonst, der das realistisch schafft. Auf der Tafel in der Box steht trotzdem eine andere Zahl: 363. Im zweiten Jahr in Folge. Die WM ist gleichzeitig der erste Qualifikationswettkampf für Olympia 2028, sein Bundesheer-Vertrag läuft bis 2028, sein Plan bis dahin steht. „Ich muss da hin. Für mich gibt es nicht die Möglichkeit, dass ich da nicht hinkomme. Dafür stehe ich jeden Tag auf.“ Sein Problem benennt er selbst: Das Stoßen ist genau da, wo es sein sollte. Das Reißen nicht.

Und wenn er nicht in der Halle ist?

„Schlafen oder essen.“ Er sagt das ohne Pose. Sein ganzes Leben passiert um den Sport herum, Freunde finden das schrecklich, ihn stört es nicht. Alkohol trinkt er praktisch nicht – außer einem Whisky, rauchig und stark, entstanden aus einer Mutprobe mit der Oma an Weihnachten. Am Ende der Folge behauptet er, er würde Murph heute noch locker unter einer Stunde schaffen. Mit Weste. Das steht jetzt auf Video. Und ein Datum haben wir auch schon.

Michael Gruber

rationally minded. creative at heart.

https://www.goodmorningmurph.com
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